Was der Körper mit uns macht

Junges Staatstheater zeigt Recherche-Stück „Neben mir“ in der Insel

Das Thema Körper begleitet jeden ein Leben lang. Der Körper ist Identität, Projektionsfläche, Unsicherheit, Alleinstellungsmerkmal. Nur der Stellenwert verschiebt sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Das Recherchestück „Neben mir“ der Regisseurin Hannah Biedermann, einer Uraufführung am Jungen Staatstheater in der Insel, widmet sich der Korrelation von Körper und Identität unter Jugendlichen. Sieben Wochen lang haben Biedermann und das Ensemble – Veronika Bachfischer, Michel Brandt, Sebastian Reich und Ralf Wegner – Statistiken gesammelt, Erfahrungsberichte aufgenommen und die Ergebnisse für Jugendliche ab 13 auf die Bühne gebracht. Wie bestimmen Aussehen, Schönheitsvorstellungen und Stil die Selbst- und Fremdwahrnehmung in diesem Lebensabschnitt? Grundlage des Textes bildeten Interviews von Teenagern, die von den Schauspielern selbst intoniert wurden, aus dem Off oder als Voice over eingespielt wurden. Schnell wird klar, dass der Körper ein besonders identitätsstiftendes Moment in der Pubertät ist. Es beginnt mit dem Vortragen selbst erhobener Daten: Alter, Geschlecht sowie Spießer, Yuppies, Ökos werden kurzerhand am Aussehen festgemacht. Es scheiden sich die Geister. „Du kannst doch nicht dem Aussehen nach urteilen, ob jemand ein Ausländer ist?!“ „Und wie entscheidest du ob jemand dick oder dünn ist?“ Gruppen- und Geschlechterzugehörigkeit werden über das Aussehen, über den Stil definiert, Es zeigt sich, dass klassische Vorstellungen hierzu in den Köpfen vorherrschen. Und auf der Bühne werden diese (auf-)gebrochen. Die traurige und zugleich lächerliche Komponente, die Rollenvorstellungen haben, werden von den vieren deutlich gemacht, sei es in Form von Posen, sei es in Michel Brandts Lied „Ich bin massenkompatibel“, in der Unsicherheit zu Angepasstheit führt. Poetische Momente entstehen, wenn sich die Darsteller zu Kate Nashs „Dickhead“ schminken und frisieren, selbstbewusst vor das Publikum treten, sich verunsichern lassen, zurück zum imaginierten Spiegel rennen und verändern, um sich erneute dem Urteil der anderen zu stellen, nur um dann wieder von vorne anzufangen. Oder wenn Veronika Bachfischer in einem Fatsuit gemeinsam mit der anderen versunken Walzer tanzt. Daneben kommt die Komik nicht zu kurz, die in manch weitverbreiteten Wünschen und Vorstellungen zutage tritt, zum Beispiel in denen einer dauerhaften Ganzkörperenthaarung. Gelegentlich geht es Schlag auf Schlag. Zu rasant wechselt das Stück von Transsexualität zu Selbstverletzungen und –verstümmelungen als Folge psychischer Versehrungen, bevor die Schauspieler die eigenen Unsicherheiten humorvoll preisgeben und damit die Klammer des Stückes schließen. hinter sich ein Schlachtfeld aus Requisiten, einst schlicht nebeneinandergereihte Umkleidekabinen. Die gelungene Mischung der sehenswerten Inszenierung von (teils erschütternden) Statistiken und persönlichen Erfahrungen gelingt vor allem dank der starken Schauspieler, die den manchmal schmalen Grat zwischen Komik und Ernst hervorragend meistern.

Evelyn Arents, BNN, 03.12.2012