Verwunschenes Land – Jon Fosses „Schwester“ im Theater Marabu

Die Welt ist anders. Klein ist groß und groß ist klein. Gefahr eine Lust und Schönheit ein Abgrund. In den Augen eines Kindes kann eine Wiese zur unendlichen Weite wachsen, ein Fjord zum riesigen Ozean anschwellen – oder ein Haus zur engsten Kammer schrumpfen. Der norwegische Autor Jon Fosse hat diese und noch viel mehr Varianten der Wahrnehmung in seinem Kinderbuch „Schwester“ aus der Sicht eines vierjährigen Jungen beschrieben.

Ein Blick, der für Erwachsene zunächst fremd anmutet, aber in der Inszenierung des Theater Marabu für Kinder ab fünf Jahren so natürlich wie der morgendliche Wind in den Gräsern ist. Fosses karge, aber behutsam eindringliche Schilderungen und freie Assoziationen eines kleinen Jungen verdichten sich auf der Bühne zu einer unwiderstehlichen und berührend bunten Melange aus Bildern und Klängen, die Klein und Groß gleichermaßen fesseln. Unter der Regie von Claus Overkamp entwickelt sich eine traumgleiche Folge von Bildern aus dem Leben des Jungen und seiner Schwester. Passagen aus Fosses Text werden wie Wegweiser durch ein kleines Wunderland eingesetzt, in dem die Logik, Regeln und Gefahren der Erwachsenenwelt wie Wetterleuchten am fernen Horizont aufblitzen. Grasbüschel werden zu wogenden Wellen und Wasserschüsseln zur rauschenden Meeresbucht.

Die Schauspieler Hannah Biedermann und Philipp Schlomm laufen mit vor kindlichem Staunen weit aufgerissenen Augen durch die weißen Leinwandberge des Bühnenbilds (Tina Jücker und Regina Rösing). Mit Kamera und Mikrofonen entzaubern sie die scheinbare Bekanntheit der Dinge und Körper, vergrößern Augen und Füße in surrealistischer oder eben einfach nur kindlicher Art zu riesigen poetischen Bildern, die von den Bergen wie Spiegelungen eines fremden Himmels widerscheinen.

Doch das schier endlose Reich der Phantasie findet seine Grenzen stets dort, wo die Erwachsenen ins Spiel kommen. Die Geschwister von Biedermann und Schlomm flattern mit überbordender Gestik und Mimik wie junge Vögel durch Bäume, Sträucher und Wiesen, die wie von einer anderen Welt scheinen, bis der dicke Mann schnaufend im Wald auftaucht. Seine Erscheinung ist so gewaltig, dass der Junge sich vorstellt, in seinen Bauch hineinpassen zu können, und sofort flammen in den Köpfen der Erwachsenen die Alarmzeichen auf. Doch die Angst fliegt vorüber wie ein aufgeschreckter Falter in dieser wunderbaren Inszenierung, die eine Welt ins Bild setzt, so verwunschen wie geheimnisvoll und eben anders.

Schnüss, Bonner Stadtmagazin, September 2012