Die Zukunft des Theaters liegt in einem Hinterhof

Das Bonner Kinder- und Jugendtheater Marabu wird immer wieder mit Preisen bedacht. Zu den Aufführungen kommen zunehmend auch Erwachsene

Weniger kann man gar nicht erzählen. Da geht ein vierjähriger Junge aus dem Haus, schläft auf der Wiese ein und kriegt Ärger mit seiner Mutter, weil die sich Sorgen gemacht hat. Er sieht einen dicken Mann, in dessen Bauch er komplett reinpassen würde, und kuschelt sich dann lieber an den flachen Bauch seiner Schwester. Das war’s. Und es ist wunderschön. Nicht nur im Buch „Schwester“ des Norwegers Jon Fosse, der dafür 2007 den deutschen Jugendliteraturpreis bekam. Sondern auch in der Bühnenfassung des Theaters Marabu. Es ist die Uraufführung eines bekannten Stoffes. Und es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Bonner Hinterhoftheater von einem großen Verlag dafür die Rechte bekommen hat.

Doch das Marabu ist längst eine feste Größe des deutschsprachigen Jugendtheaters. Auf allen wichtigen Festivals ist es regelmäßig dabei, vor drei Jahren war Marabu sogar für den deutschen Theaterpreis „Faust“ nominiert.

Wirtschaftlich hat sich der Ruhm noch nicht niedergeschlagen. „Wir arbeiten ausschließlich mit Freischaffenden“, sagt Regisseur Claus Overkamp. „Die Schauspieler, die Technik, auch die Bürokraft – sie alle haben noch andere Jobs.“ Der Zuschuss der Stadt Bonn ist verschwindend gering. Und im Kinder- und Jugendtheater müssen die Eintrittspreise niedrig sein. Das Theater Marabu lebt vom Touren. Was trotz zusammengesparter städtischer Veranstaltungsreihen gut funktioniert. „Der Markt ist ein bisschen geschrumpft“, sagt Overkamp, „aber viele Veranstalter arbeiten seit Jahren mit uns zusammen und buchen uns immer wieder“. Allerdings wird er immer häufiger nach den Themen und Aussagen der Stücke gefragt. Viele Lehrer wollen wissen, wie sie den Theaterbesuch im Unterricht verwerten können. „Wir brauchen aber auch Kunst.“

„Schwester“ könnte in schulischer Hinsicht schwer vermittelbar sein. Jon Fosse ist bisher vor allem durch seine kargen, atmosphärisch starken Dramen für den Abendspielplan bekannt geworden. Der Norweger steht für Stücke, in denen sich die Menschen anschweigen und das eigentliche Drama im Ungesagten schwebt. Jürgen Gosch hat diese Texte vor einigen Jahren in Düsseldorf auf eine unvergleichlich dichte Weise auf die Bühne gebracht. Fosses Kinderbuch ist nicht viel anders. Große Themen und oder eine spannende Handlung sucht man darin vergebens. Wenn der Junge einen einsamen dicken Mann sieht, denkt ein Erwachsener vielleicht an eine Missbrauchsgeschichte. Ein Kind tut das nicht. „Wir kennen die Dramen des Kindes oft nicht“, sagt Overkamp. „Für Kinder stellen sich viele Dinge größer und intensiver dar, was wir Erwachsene nicht mitkriegen. Andererseits gehen Kinder offen und naiv mit Sachen um, worüber wir Erwachsenen uns zu Recht Sorgen machen. Das sind zwei Welten, die eigentlich nicht zusammenpassen aber zusammenpassen müssen.“

Die Aufführung ist ein Blick in den Kopf des Kindes. Die beiden Schauspieler Hannah Biedermann und Philipp Schlomm filmen sich am Anfang gegenseitig. Ein Fuß oder ein Auge wird durch das Zoom der Kamera überproportional groß. So sehen Kinder die Welt. Die Akteure nehmen den Text spielerisch, finden entspannte, musikalische Momente. Und dann konzentrieren sie sich wieder, fragen ganz ernst, warum Mama gerade brüllt. Der Junge weiß nicht, was er falsch gemacht hat. Er hat doch nur auf den Fjord geschaut. „Fosse versteht es, in den Kopf der Kinder einzutauchen und ihre Gedanken aufzuschreiben“, sagt Overkamp.

Videos, chorische Sprechpassagen, der Wechsel der Erzählperspektive – die eingesetzten Mittel wirken im Kindertheater völlig natürlich. Das Publikum am Sonntagnachmittag ist begeistert. Gleichzeitig finden sich hier viele Parallelen zum Erwachsenentheater. Längst beschäftigen sich die Kinder- und Jugendbühnen mit ähnlichen Erzählweisen wie ihre Kollegen an den großen Häusern. „Die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenentheater interessieren uns zunehmend weniger“, sagt Claus Overkamp. Mit der Dramaturgin Tine Jücker leitet er das Theater Marabu seit 19 Jahren. „Schwester“ ist auch für Erwachsene ein Erlebnis, die Premiere fand abends statt. Die Aufführung lässt Platz für die eigene Fantasie.

Jede Produktion des Theaters Marabu hat einen anderen Stil. „Ein Schaf fürs Leben“, eines der erfolgreichsten Stücke, ist ein Hörspiel. Im Longseller „Um Himmels willen, Ikarus!“, der seit sechseinhalb Jahren auf dem Spielplan steht, sitzt das Publikum mit den beiden Spielern in einem Labyrinth. „Die Treppe zum Garten“ ist Erzähltheater mit zwei irakischen Musikern, in dem es um Migration geht. Die Schauspielerin Hannah Biedermann hat mit „pulk fiktion“ eine eigene Gruppe gegründet, die ans Theater Marabu angedockt ist. Sie entwickelt neue Formen für Jugendliche, zum Beispiel „Der Rest von der Welt“: ein spielerisches Doku-Theater über die Entstehung von Fernsehnachrichten.

Die Förderung junger Theatermacher liegt Tine Jücker und Claus Overkamp besonders am Herzen. Damit erfüllen sie eine wichtige Aufgabe, denn gerade das Jugendtheater braucht den Input der 20-Jährigen. Da sich viele Gruppen im wirtschaftlichen Überlebenskampf befinden, haben sie für die Nachwuchsförderung keine Zeit. Die Marabu-Macher nehmen sie sich – und hoffen, dass sie ihre Arbeit bald auf eine sicherere Grundlage stellen können. In Bonn gibt es gerade eine Diskussion, ob sie eine größere Spielstätte übernehmen können – mit besserer finanzieller Ausstattung. Außerdem findet 2013 zum 20-jährigen Marabu-Jubiläum das Bestentreffen der Kinder- und Jugendbühnen aus NRW in Bonn statt. Federführend ist das Theater Marabu.

Längst denken die Bonner über die Grenzen des deutschen Marktes hinaus. Ihre Bearbeitung von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ haben sie zusammen mit dem Agora-Theater aus Belgien entwickelt. Gespielt wird in zwei Sprachen, im Sommer hat eine rein französische Fassung auf einem Festival in Belgien Premiere. Und auch „Ein Schaf fürs Leben“ tourt nun durch Frankreich, mit französischen Schauspielern.

Das Theater Marabu ist kein Einzelfall, was die internationale Orientierung angeht. Trendsetter war das Helios-Theater in Hamm, das seit Jahren mit internationalen Partnern zusammenarbeitet. Das Theater Marabu spielt für Bonn, ist eng mit den Schulen vernetzt, kooperiert, macht Workshops und Projekte mit den Klassen. Es tourt durch Deutschland und hat internationale Kontakte. Wenn es ein Musterbeispiel für extrem effektiv eingesetzte Kreativität gibt, dann diese Hinterhofbühne.

Welt am Sonntag 27.05.12