Claus Overkamp inszeniert „Schwester“ von Jon Fosse im Theater Marabu

Overkamps Inszenierung im transparenten Bühnenbild von Tina Jücker und Regina Rösing ist ein poetisches Spiel mit kindlichen Fantasien.

Eigentlich ist das keine große Geschichte. Ein vierjähriger Junge spaziert früh morgens zum Fjord, bewundert die wie Haare im Wind tanzenden Grashalme, die glitzernden Wellen und die kleinen weißen Wolken, die irgendjemand zu seiner Freude an den blauen Himmel gemalt hat.
Es ist schön draußen und gar nicht schön, dass seine besorgte Mama den kleinen Ausreißer unsanft aus seinen Träumen weckt. Und im Haus einsperrt, als ob er etwas Böses getan hätte. Einen komischen dicken Mann hat er auch gesehen, in dessen Bauch glatt der Junge und dessen kleine Schwester passen würden. Das Mädchen hört den Berichten des großen Bruders gespannt zu und legt zärtlich den Arm um seinen Bauch.

Mehr passiert im Grunde nicht in dem Stück „Schwester“ von Jon Fosse, das in der Regie von Claus Overkamp am Theater Marabu seine Uraufführung erlebte. Fosse, der nach Ibsen international meist gespielte norwegische Dramatiker, ist ein szenischer Minimalist, der ganz leise Oberflächenrisse aufdeckt und dem geheimnisvollen Schweigen viel Raum gönnt. Dass „Schwester“, 2007 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, den Bonner Marabus anvertraut wurde, spricht für deren Renommee.

Overkamps Inszenierung im transparenten Bühnenbild von Tina Jücker und Regina Rösing ist ein poetisches Spiel mit kindlichen Fantasien. Die Schauspieler Philip Schlomm und Hannah Biedermann sind die kleinen Entdecker der großen Weltwunder, machen aus einer Waschschüssel ein Meer, zaubern eine Wiese herbei und erschaffen sich eine eigene Wirklichkeit aus Wörtern, Klängen und Bildern. Klar, das Türglas ist ein Hindernis für die Freiheit und wird kurzerhand zwecks Hausarrest-Vermeidung zerschlagen. Der Junge will schließlich frische Luft und keinen Eltern-/Tantenmief.
Die seltsamen Erwachsenen können gewitzten Kindern sonst was erklären und sind schon in ihrer körperlichen Fülle schlicht lächerlich. Groteske Wesen mit völlig falschen Proportionen und merkwürdig angezogen. Die Schatten der Zeit deuten sich nur schemenhaft an in dieser wunderbar sensiblen Spurensuche nach der absoluten Unschuld. Fünfzig Minuten pure kindliche Lebenslust und entsprechend nach 50 fabelhaft schnell vergangenen Minuten mit Beifall überschüttet.
Generalanzeiger, Feuilleton, vom 15.05.2012