Laudatio zum George Tabori-Preis 2016

„Herzlich willkommen! Heute geht es um Wesentliches, heute geht es um Euch!“ So begrüßt die Theatermacherin ihr Publikum. „Sollte ich nicht eine der jungen Wilden sein, die alles anders machen will?“, auch das sagt sie, in „Grimm & Grips“ Nummer 25, und weiter: „Die sagt, Schluss mit lustig, jetzt kommen wir: wir krempeln das Kinder- und Jugendtheater ästhetisch, inhaltlich und kulturpolitisch einmal gründlich um. Alles neu. Alles radikal. Radikal neu!“

Auf den rhetorischen Höhepunkt dieses Zitats folgt die eigentliche Positionsbestimmung: „Um es gleich vorweg zu nehmen. Das wäre ich zwar gern, bin es aber nicht. Ich bin ein Kind des Kinder- und Jugendtheaters und begehe auch heute keinen Elternmord.“ Trotz aller beruhigenden Bekundungen beschreitet sie keineswegs die Trampelpfade der Tradition von Grimm bis Grips. Mit ihrer Gruppe mischt sie die Szene des Theaters für junges Publikum auf, mit ihren Inszenierungen setzt sie neue Akzente, mit ihren performativen Formaten ist sie permanent auf der Suche, beim Forschen und Ausprobieren, immer mit dem künstlerischen Vorsatz Verwirrung zu schaffen und mit dem Hang zu Ambivalenzen, getreu dem Brechtschen Diktum: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehr betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Bei all den Fragen über Form und Inhalt haben sie vor allem das Publikum im Blick. Sie sind ein heterogener Pulk von jungen Künstlern, Performern, Musiker, Medienmacher, sie sind bei aller Untersuchung von Gegenwart der Fiktion verpflichtet und sie sind der Wertschätzung würdig. Der Förderpreis zum George Tabori-Preis 2016 geht an „pulk fiction“!
Herzlichen Glückwunsch Hannah Biedermann, Norman Grotegut, Eva von Schweinitz, Manuela Nendegger, Matthias Meyer und Sebastian Schlemmiger!
Ja, ja, ja, Sie werden sagen, der Laudator ist befangen, ja, ja, ja., das ist er. Als Hochschullehrer erinnere ich mich noch an die Studentin Hannah, die vor lauter Praxis fast ihr Diplom verpasste, ich weiß noch wie der auf der Bühne so eloquente Norman in der mündlichen Prüfung verstummte, und erhalte ich eigentlich nicht noch einen Praktikumsbericht von Sebastian?

Und ja, ja, ja, die Truppe ist Mitglied der ASSITEJ – und das macht den Vorsitzenden stolz! Die Entscheidung, wer nominiert wurde und wer gewinnt, die haben andere getroffen. Ich darf lediglich lobpreisen. Und das geht so:

2007 gründete Hannah Biedermann, die ich eingangs schon zitieren durfte, pulk fiction. Seitdem gibt es sieben Theaterprojekte für Kinder und Jugendliche und zahlreiche Regiearbeiten in unterschiedlicher Konstellation, an unterschiedlichen Orten. Die Liste der Produktionsstätten liest sich wie ein „Who is who?“ der deutschen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft: Theater Marabu, Bonn; Grips Theater, Berlin; KinderTheaterHaus, Hannover; Junges Staatstheater, Karlsruhe; Theater Strahl, Berlin; Comedia Theater, Köln; Junges Theater, Ingolstadt; LOT Braunschweig.

Die Inszenierungen der Gruppe heißen „Ein Stück Autokino“, „Efraims Töchter“, „Der Rest der Welt“, „Papas Arme sind im Boot“, „Die Konferenz der wesentlichen Dinge“, „Galaktika Silencia“ und „All about Nothing“, Premiere am nächsten Sonntag am Forum Freies Theater in Düsseldorf.

Hannah Biedermann gilt sicher als eine der profiliertesten Kindertheatermacherinnen auf dem Gebiet der „Mitspielkunst“, schrieb zumindest Stefan Fischer-Fels, und pulk fiktion wird von Eckhard Mittelstädt in dem von ihm mit herausgegebenen Buch zu den Freien Darstellenden Künsten als Performer-Pool für zukunftsweisende Formen und Formate bezeichnet.

Sie haben bereits Preise beim nordrhein-westfälischen Festival Westwind erhalten, wurden mit dem Förderpreis Musikvermittlung in Niedersachsen ausgezeichnet und waren bei „Best Off“ 2016 eine Freies Theater von 6 aus 47. Auf den Kinder- und Jugendtheaterfestivals haben sie rauf und runter gespielt, gestern noch bei „Hart am Wind“ in Hamburg.

Aber was, bitte schön, macht pulk fiktion so preiswert? Schließlich haben sie noch nicht einmal Schauspiel studiert oder Theater oder wenigstens Theaterwissenschaft. Sie kommen aus dem Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ und behaupten ihre Projekte seien Performance. Sie recherchieren mit der Zielgruppe, sie improvisieren in Workshops, sie installieren sich Räume. Meistens sind die Zuschauer Zu-Schauspieler, sie sitzen nah dran, gelegentlich auch mittendrin. Sie sind gefragt, im wahrsten Sinne des Wortes, sie sind Ausgangs- und Zielpunkt. Pulk fiktion singt und macht Geräusche, schattenspielt und animiert Reifenschläuche, und immer wieder mal stehen sie vor Mikrofonen und sprechen aus, mit sich selbst und über dies und das.

Sie sind rastlos auf der Suche, hinterfragen Regeln, überdenken Normen, reagieren auf Richtlinien. Mal nennen sie es „Lecture Performance“, „Making of“ und schrecken auch nicht zurück vor der theatralen Begrifflichkeit „Stück“. Und doch tun sie alles, um es den Herren Stegemann, Börgerding & Co zu zeigen, mit ihren postdramatischen Szenarien gegen das etablierte Sprechtheater. Sie machen das aber ganz und gar undogmatisch, sind voller Überzeugung, dass die allseits gepriesene Schauspielkunst viele Facetten haben kann, eben auch die der Performance, eben auch die des Mitmachtheaters, eben auch die des interaktiven-medialen Zugangs.

Wichtig ist ihnen Substanz, Relevanz und Brisanz, es geht um Kinderarmut, Sexualität, in einer Konferenz, um wesentliche Dinge. Zuschauer können live nachvollziehen, welche Theatermittel genutzt und wie aus ihnen illusionsreiche Effekte hervorgebracht werden, die jederzeit wieder zu dekonstruieren sind. Das ist nicht die klassische Hamburgische Dramaturgie, das ist die moderne Hildesheimer „Hogwarts-Schule für Performance Hexerei“, wie es mehr oder weniger despektierlich im April-Heft des Zentralorgans des Deutschen Bühnenvereins nachzulesen ist.

Interdisziplinär und Interkultur sind viel gebrauchte Kampfbegriffe, aber auch sie erschließen den kleinen Kosmos von pulk fiktion. Das junge Publikum kann gnadenlos sein, wenn auf der Bühne nichts wirklich Wichtiges passiert; das macht die Performer bei aller Experimentierfreudigkeit bodenständig. Hannah Biedermann nennt das ihren Grund, für das Kinder- und Jugendtheater zu arbeiten: „Hier kann ich nie selbstverliebtes, abgekapseltes, „Kunst für die Künstler“-Theater machen, sondern muss mich immer aufs Neue mit neuen Zuschauern und dem, was ich ihnen erzählen will und wie ich es erzählen kann, auseinandersetzen. Und weil Kinder- und Jugendtheater nicht einfach zu verstehen und nicht einfach zu machen ist, bleibt es eine Sache voller Widersprüche.“ Georges Tabori würde sich sicher über diesen Preisträger freuen, ich freue mich auch und die hier versammelten Freunde von Fonds und Darstellende Künste wohl ebenso.

Laudatio zum George Tabori-Preis 2016

von Wolfgang Schneider