Wie Halme im Wind

Ganz schön blutrünstig. Erst verletzt sich der kleine Junge im Boot am Fjord das Bein. Mama sperrt ihn ein, weil er verbotenermaßen von zu Hause weggelaufen ist, und als er die Scheibe der versperrten Tür einschlägt, muss gar der Notarzt die Wunde an seiner Hand versorgen.

Ganz schön spannend. Der kleine Junge hat Angst, weil er nicht weiß, ob er nach seinem Sturz wieder aufstehen und das Boot verlassen kann. Und ein unheimlicher, furchtbar dicker alter Mann mit ziemlich schlechten Zähnen nimmt ihn und seine Schwester mit nach Hause – was stellt er da mit ihm an?

Ganz schön poetisch. Da wogen die Wellen in der Waschschüssel, und das Plätschern im Fjord wird zur stürmischen Flut auf der Videowand. Da tanzen die Stühle – und erst recht tanzt die Natur, wenn Hannah Biedermann mit der Digitalkamera wirbelt. Und wie sanft berührt es uns, wenn der Vierjährige erkennt, dass er der große Bruder ist – oder wenn er sich an seine dreijährige Schwester kuschelt und spürt, wie sie ihm Halt und Schutz bietet.

Poesie, Video- und Klangkunst, Choreografie und Schauspiel – und vor allem viel, viel Einfühlungsvermögen in die Seelen eines Vierjährigen und einer Dreijährigen zeichnen die Inszenierung aus, für die Regisseur und Theaterleiter Claus Overkamp vom Theater Marabu in Bonn soeben eine Nominierung für den wichtigsten deutschen Theaterpreis, den FAUST 2013, einheimste. Eine Kindergeschichte von Jon Fosse, von diesem Meister der Lakonie, diesem Hohepriester der Kommunikationslosigkeit? – Das schien eigentlich kaum vorstellbar. Doch Schwester ist ein wunderbarer kleiner Text, der im Jahre 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Er spielt wie so viele Fosse-Stücke an einem Fjord – viele zeltartige Leinwandsegel mögen in Overkamps Inszenierung auf abstrakte Weise die den Fjord umgebenden Berge symbolisieren, sie sind aber auch eine wunderbare Kulisse für kleine Versteckspiele, die die jungen Zuschauer erfreuen, und dienen als Projektionsflächen für Videobilder. Und wie die „Erwachsenen-Stücke“ Fosses spielt Schwester vor allem mit dem, was sich in den Köpfen der Protagonisten abspielt. Vieles wird assoziativ dargestellt, mit Bildern und poetischen Beschreibungen aus der Sicht des Kindes, das die Welt ganz anders wahrnimmt als seine Eltern.

Aus Erwachsenensicht passiert eigentlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein vierjähriger Junge geht im Schlafanzug allein zum Fjord. Dort rauscht das Meer; die Grashalme schwingen hin und her. Ein alter Mann mit einer kranken Frau nimmt ihn und seine dreijährige Schwester mit und spendiert ihnen ein Eis. Die Mama ist böse und bestraft den Jungen, weil er fortgelaufen ist. Die Schwester kuschelt sich an seinen Rücken, und er empfindet zum ersten Mal: Er ist der große Bruder. Er ist stolz darauf – und gleichzeitig spürt man in Overkamps Inszenierung, dass diese Erkenntnis für den Jungen auch erstmals eine Konfrontation mit der „Last der Verantwortung“ bedeutet. Am nächsten Morgen will er wieder zum Boot. Er rutscht aus und verletzt sich. Er wird eingesperrt und verletzt sich erneut beim Ausbruchsversuch. Später hört er, wie seine Mutter Dumme-Jungen-Geschichten und Anekdoten erzählt aus der Zeit, in der er noch klein war (also zwei und noch nicht vier wie heute). Er fühlt sich beschämt – und allein. Er wird immer allein sein, denkt er. Doch dann schaut er hinüber zu seiner kleinen Schwester. Er spürt ihren Atem, der hin- und herwogt wie die Grashalme im Wind. Er legt den Kopf an ihre Schulter, und sie legt den Arm um seinen Bauch. Er wird niemals ganz allein sein, denkt der Junge.

Die Poesie, die über dieser Schluss-Szene liegt, zeichnet die gesamte, in ihren Theatermitteln ungeheuer kreative Aufführung aus. Aber sie erschöpft sich nicht nur in Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonie. Die Ängste, die die Kinder empfinden, die Gefahren, denen sie sich aussetzen, werden ebenfalls mit poetischen Mitteln dargestellt – auf eine Weise, dass die Kinder sie vermutlich intuitiv erspüren, ohne selbst Angst zu bekommen, während die Erwachsenen die Doppelbödigkeit mancher Situationen erkennen: Der alte Mann mit seinem unheimlich dicken Bauch, der den Kindern ein Eis anbietet, meint es zweifellos gut, aber wenn in Großaufnahme das Auge von Hannah Biedermann als faltiges Zyklopenauge oder die Mundhöhle von Philipp Schlomm mit den schlechten Zähnen des alten Mannes auf der Leinwand erscheint, dann empfinden die kleinen Zuschauer vielleicht das Gruseln oder das Gefühl der Fremdheit, das die beiden Helden der Geschichte packt angesichts der unbekannten, ihnen körperlich so überlegen und so riesig erscheinenden Alten  – die Erwachsenen aber denken unwillkürlich an ihre Ängste, wenn sie Kinder nachts am einsamen Feldweg wissen, und wenn die Alten die kleine Schwester gutmütig in den Arm kneifen, so mag das in der Vorstellungswelt der Erwachsenen durchaus etwas Übergriffiges haben.

Für die jungen Zuschauer im Alter von sechs oder sieben Jahren aber, für die die Aufführung konzipiert ist, entstehen vor allem Bilder, die sie aus eigenem Erleben kennen: aus der permanenten Diskrepanz zwischen ihrer eigenen Welt und der der Erwachsenen. Die Gefahren, die ihre Eltern ahnen, werden die Kleinen allenfalls marginal wahrnehmen. Sie lachen, wenn Philip Schlomm und Hannah Biedermann zwischen den Leinwandsegeln hin- und herlaufen, und freuen sich über das Spiel. Es ist ein gelöstes Lachen, kein schadenfrohes, kein kampfbereites. Selbst wenn sich die beiden Schauspieler gegenseitig den Schaum aus der Waschschüssel ins Gesicht pusten, hält sich die Schadenfreude in Grenzen – es ist Spiel und Spaß: Diese Aufführung ist für die Kinder ein Erholungsprogramm, kein Theater zum Aufmischen. Der hochsympathische Philip Schlomm als Bruder und die sich großartig in die kindliche Seele einfühlende, mal kokette, mal neugierige, mal ihren Bruder eifersüchtig machende, mal ihn bewundernde Hannah Biedermann als seine kleine Schwester sind ideale Identifikationsfiguren für die Kinder – und exzellente Schauspieler sind sie obendrein. Die Inszenierung arbeitet mit allen Mitteln, die auch das avancierte Erwachsenen-Theater kennt: Mit einer Mischung aus Schauspiel und Choreografie, mit Videotechnik, atmosphärisch perfekt eingesetzter Musik, mit chorischem Sprechen und in einer der herausragenden Szenen einer großartigen Partitur aus Rhythmus, Musik und Sprachmodulation – grandios! Wer glaubt, eine solche Erzählweise würde einen Sechsjährigen überfordern, der frage die Kinder: Sie hatten ausnahmslos Spaß. Und die Erwachsenen staunen, was die Marabus so alles aus einem norwegischen Fjord herausholen können!

Theater pur, Dietmar Zimmermann, 22.09.2013