Pressekritiken zu „Die Geschichte von Lena“

Eine Geschichte erzählt sich selbst. Lena Story im Theater Marabu fordert viel Aufmerksamkeit . Üppiger Beifall

Ein Schauspieler und eine Schauspielerin wollen eine Geschichte erzählen, aber sie wissen nicht wie. Weil bekanntlich aller Anfang schwer ist, probieren sie es erst mal mit dem sanft-brutalen Märchenton der Brüder Grimm. “Es war einmal….”. Aber der gefällt ihnen so wenig wie der schaurig hohle Hall, in dem gräusliche Fantasygeschichten daherzukommen pflegen: “Es war eine dunkle Novembernacht…”

Eigentlich geht es in der Beuler Brotfabrik ja auch eher um da Ende der Sommerferien. Schließlich überreden sie ihre Geschichte, sich doch zu erzählen. Es geht beim Theater Marabu also um “Die Geschichte von Lena” von Michael Ramlose und und Kira Elhauge, die Volker Quandt aus dem Dänischen übersetzt hat (Harlekin Theaterverlag) und Hannah Biedermann inszenierte.

Die schönen Sommerferien sind schon vorbei, in denen anders als sonst die Eltern Lena Freundin Maria nicht mitnehmen konnten, weil Lenas großer Bruder mitkam. Für fünf sei das Ferienhaus am See zu klein. Maria ist ihre beste Freundin, sie fehlt Lena , die das beste daraus zu machen versucht und in den Briefen Maria an allem teilhaben lässt. Sie freut sichs aufs Wiedersehen.

Aber das gestaltet sich dann wie ein schauriger Albtraum für Lena. Man versteht, das das Ende noch einmal den Fantasyton des Anfangs anschlägt. Der einfache Alltag kann einen jungen Menschen in Finsternisse stoßen, die nicht weniger schrecklich sind , als die dunklen fiktiven Märchen, die sie ja vermutlich auch oft reflektieren. Die beste Freundin, die sie schneidet. Auf dem Platz daneben sitzt eine andere, die Klasse hat sich gegen Lena verschworen. Eine Bagatelle, wie man glaubt, kann sich bis zur Ausweglosigkeit aufschaukeln. … .

Das Aufteilen auf nur zwei Akteure und die technische Aufbereitung des Stoffes mit Live-Kamera, Video, Soundtrack etc. ist zwar aller Anstrengung und Aufmerksamkeit wert, braucht diese aber auch.

Bene Neustein und Julia Rehn spielen sich im Übrigen sehr schön und bravourös durch die Stadien des Fiktiven und der Identifikationen hindurch. Die Grundierung bleibt aber immer realistisch. Der Beifall war üppig.

Bonner Rundschau vom 19.09.2011

 

Außen vor und ausgeliefert

Die Sommerferien sind vorüber. Alle treffen sich vor der Schule, es gibt ja so viel zu erzählen … Das denkt auch die zehnjährige Lena und kann gar nicht schnell genug dort sein. Doch von diesem Tag an verwandelt sich ihr bislang so vertrautes Leben nach und nach in einen Albtraum. Dass ausgerechnet sie zum Außenseiter werden könnte und den Platz mit der zuvor von allen – einschließlich ihr – verspotteten Patricia tauschen muss, hätte sie nie für möglich gehalten. Ebenso wenig wie den Verrat ihrer vormals besten Freundin Maria, die ihre Briefe laut vorliest und Lena somit dem Spott der ganzen Klasse ausliefert.

Mit dieser einfühlsamen und kindgerechten Inszenierung des dänischen Originals von Michael Ramløse und Kira Elhauge hat die junge Regisseurin Hannah Biedermann jetzt der Reihe bemerkenswerter Stücke am Theater Marabu ein weiteres hinzugefügt. Wobei sich die Bilder, so wie bei einem guten Kinofilm, im Kopf weiter entwickeln und dort ihr Eigenleben entfalten.
Das meint die schönen Szenen von Lenas Sommerferien in Schweden zusammen mit den Eltern und ihrem 20-jährigen Bruder Klaus ebenso wie die Beispiele von Ausgrenzung und Grausamkeit, die man von einem gewissen Punkt an nicht mehr als "menschlich" zu entschuldigen bereit ist.

Und das alles nur, weil Maria nicht wie sonst mit Lena in die Ferien durfte? Vielleicht beginnt es so, doch das Ganze entwickelt eine Eigendynamik, die einen schaudern lässt. Von Bene Neustein und Julia Rehn mit Gespür für das passende Tempo gespielt, kann der Zuschauer Szene für Szene wie in einem Storyboard blättern. Alarmiert von der Besorgnis der Eltern zu Beginn des Stückes: Was mag da passiert sein, als Lena sich selbst von ihnen unverstanden und gänzlich allein gelassen fühlte und die Demütigungen in der Schule nicht länger ertragen hat? Die Antwort lässt selbst noch viele Fragen offen.

Genaralanzeiger, Feuilleton vom 24.10.2011